24. Mai 2012

Kontrolle und Chaos


Gewitterstimmung am Traunsee (C) Ulrike Feichtinger 2011

Ich ertappe mich und andere dabei, dass wir davon ausgehen, dass die Menschheit gerade durch eine heftige Zeit der Transformation geht und dass nachher wieder alles ruhig sein wird. Da steckt die Überzeugung drinnen, dass es jetzt zwar grad recht heftig ist ob all der Veränderungen auf den unterschiedlichsten Ebenen – aber irgendwann wird es zu Ende sein und wir werden wieder "normal" leben können.

Offenbar ermuntern wir uns gegenseitig zu Flexibilität und Chaos-Toleranz mit dem Hintergedanken, dass es irgendwann vorbei sein wird und wir wieder zur Tagesordnung übergehen können. Es schwingt auch mit, dass es im Chaos der aktuellen Transformationszeit zwar nicht leicht ist, die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten, dass es später jedoch wieder möglich sein wird, wenn sich alles beruhigt hat...

Da haben mich die folgenden Zeilen von Liselotte Jetzinger sehr nachdenklich gemacht:
Insbesondere wir im Westen haben gelernt, Ziele linear anzustreben, Kontrolle über unser Leben und über die Welt haben zu können, ja sogar zu müssen. Wir sind der Meinung, dass die Fähigkeit dazu das Merkmal einer stabilen, lebenstüchtigen Persönlichkeit sei. Die zunehmende Instabilität und Komplexität unseres Lebens durch die fortschreitende Globalisierung und Vernetzung erfordert jedoch ein ständiges Krisenmanagement, Stresstoleranz und die Fähigkeit, mit Unvollständigkeit und Unberechenbarkeit umzugehen. Man benötigt dabei ein hohes Maß an Flexibilität und Präsenz, und zwar sowohl was die Alltagserfordernisse als auch was Lebensentwürfe und Selbstdefinition betrifft.
Diese Zeilen stammen aus Liselotte Jetzingers aktuellem eBook "Dschungel light – Kursbuch fürs globale Chaos", das auf ihrer Website zum Download zur Verfügung steht.

In diesem Sinne ist es zwar nett, dass wir uns zum Durchhalten animieren – doch kontraproduktiv. Da ich überzeugt davon bin, dass unser Bewusstsein, unser Innenleben einer Evolution unterliegt, bin ich auch überzeugt davon, dass es eine immer breitere Palette an inneren Einstellungen, Haltungen und Weltbildern gibt und geben wird. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass es wieder so stabile Gesellschaften wie früher geben wird, in denen (fast) alle Menschen dasselbe Weltbild vertreten haben.

Insofern halte ich es für wahrscheinlich, dass in unserer Gesellschaft verstärkt Dynamiken und Spannungen aufgrund unterschiedlicher Werte, unterschiedlicher Einstellungen und unterschiedlichen Haltungen auftreten werden. Damit wird das menschliche Zusammenleben wesentlich komplexer, was wir alle in unserem eigenen, individuellen Leben tagtäglich erfahren – und was viele von uns ziemlich stresst. Denn das Zusammenleben ist nicht mehr vorhersehbar, nicht mehr linear, nicht mehr durch Ursache und Wirkung erklärbar.

Was also, wenn es kein zurück-in-die-alte-Stabilität gibt? Wenn es stattdessen ein vorwärts-in-die-neue-Dynamik gibt?

Dann sollten wir doch gleich jetzt lernen, unsere Kontrollsucht abzulegen. Also nicht durchtauchen durch die turbulenten Zeiten (weil es kein "Ende" davon geben wird), sondern gleich jetzt realisieren, dass es neue Qualitäten braucht, weil wir in einem komplett neuen Abschnitt der Menschheitsgeschichte angekommen sind, in dem ganz andere Gesetzmäßigkeiten gelten als die bisherigen...

Bisher sind wir mit analysieren, vorhersagen, planen, konsequent dranbleiben und Ziele erreichen sehr weit gekommen. Doch scheint nun endgültig die Zeit gekommen zu sein, "weichere" Qualitäten zu stärken:
  • Früher ging es zum Beispiel darum, einen fixen Zeitplan abzuarbeiten. Nun ist es wichtig, in jedem Augenblick intuitiv zu erspüren, was gerade ansteht, und situationsbezogen Entscheidungen zu treffen – ohne das Ziel aus den Augen zu lassen.
  •  Bisher war es möglich, Ziele gegen den Widerstand von anderen zu erreichen, indem man den eigenen Energieaufwand erhöht hat. In dynamischen und komplexen Zeiten hingegen ist es von zentraler Wichtigkeit, Energie zu sparen und möglichst effizient einzusetzen. Somit erscheint es auch ratsam, die Konkurrenz zu beenden und möglichst breit angelegte Kooperationsbereitschaft einzubringen.
  • In früheren Gesellschaften war den Menschen klar, welche Normen und Regeln zu beachten sind – diese Gesetze waren (relativ) eindeutig – somit war es auch (relativ) einfach, ein "guter Mensch" zu sein und Anerkennung vom sozialen Umfeld zu erhalten. In der dynamischen Gesellschaft, in der wir bereits angekommen sind, gibt es jedoch viele verschiedene Einstellungen zu jedem beliebigen Thema, sodass wir 100%ig sicher sein können, dass es immer irgendwen gibt, die/der unsere Einstellung, unsere Motivation und unser Handeln nicht gut findet. Es ist also nicht mehr von außen her klar, was ein "guter Mensch" ist. Wir sind aufgerufen, uns von der Meinung anderer unabhängig(er) zu machen und stattdessen gut in unserer eigenen inneren Klarheit verwurzelt zu sein, was wir für richtig halten.


    Ordnung (C) Ulrike Feichtinger 2011
    Diese Liste ließe sich schier endlos fortsetzen. Was mir durch den Input von Liselotte Jetzinger klar geworden ist: Es ist für mich nicht förderlich zu glauben, dass es darum geht, die Zeit der Veränderung möglichst gut zu durchtauchen, um nachher weiterzumachen wie gewohnt. Vielmehr ist es wichtig und erscheint es mir richtig, mit ganzem Herzen in die Herausforderungen der neuen Zeit hineinzutauchen, um dort all die neuen Qualitäten zu erlernen, die wir für eine gelungene Zukunft brauchen werden: Flexibilität, Hingabe, Lebensfreude, Offenheit, Kooperation, Gemeinschaft, Energieeffizienz, ... In ihrem eBook bringt es Liselotte Jetzinger auf den Punkt: Es geht um Selbstfreundlichkeit! :)

    Weiterführende Informationen:
    Über das Thema der Energieeffizienz hat Liselotte Jetzinger das spannende Buch "Das 3x3 der Energie – Strahlen statt (Aus)Brennen" geschrieben, meine Buchbesprechung ist online abrufbar.

    Sehr interessant zu lesen ist auch der Artikel "Archetypal Practices for Collective Wisdom" von Thomas Hurley. Der Autor beschreibt, wie wir gegensätzliche Vorgangsweisen in eine hilfreiche Balance bringen können.

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    2 Kommentare:

    Iris hat gesagt…

    Liebe Uli,
    sehr schöner Artikel - DANKE!
    Ich treffe in meinem Leben gerade auf die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Eine sehr präsente Form zu kommunizieren, wir lernen wieder zu spüren und zu sagen, was in uns lebendig ist und zwar hier und jetzt. Ganz wichtig, um mit der uns umgebenden Dynamik umgehen zu lernen, finde ich ...
    Liebe Grüße
    Iris

    P.S.: Eine Radiosendung zum Thema gibt es hier: http://cba.fro.at/59470 und einen Mitmachvortrag in Ebensee, am Mittwoch, den 6. Juni, um 19 Uhr: http://www.frauenforum-salzkammergut.at/cms/

    Uli Feichtinger hat gesagt…

    Liebe Iris,
    Danke für Dein (und Euer) Engagement, Gewaltfreie Kommunikation zu verbreiten! Auch das ist sicher ein Element dieser neuen Zeit, in der wir angekommen sind! :)
    Herzliche Grüße!
    Uli