16. Januar 2014

der Scham begegnen

"Scham ist die Angst vor der Meinung anderer." Diese Aussage hat mich beschäftigt – und ja: Wenn wir vor der Meinung anderer Angst haben, dann geht es wohl um eine Sache, die uns wichtig ist, die unserem Herzen in irgendeiner Art und Weise nahe steht. Scham ist ein Indikator für Verletzlichkeit.
© Uli Feichtinger, 2011
In unserer Gesellschaft wird Scham bzw. Beschämung als Machtinstrument eingesetzt. Wann immer in Gesprächen etwas oder jemand kritisiert bzw. abgewertet wird, schleicht zwischen den Zeilen eine Botschaft mit: "Du bist nicht OK." Das ist der Kern der Beschämungsstrategie. Werbung funktioniert über weite Strecken ähnlich: "So, wie du jetzt gerade bist, bist du nicht OK, aber verwende unser Produkt, dann wirst du angesehen sein." Dabei ist es ganz egal, ob es sich um Autos, um Telephone, um Kleidung, um Deo, um Schminke, um Stifte oder sonst etwas handelt.

Besonders in persönlichen Krisen, wenn wir mit unseren Schatten konfrontiert werden, tritt Scham auf. Daher ist der Umgang mit dieser Emotion selbstverständlich ein Teil des spirituellen Selbstmanagements. In meinem Vortrag "Das Leben als Lehrmeister" am WIFI Linz werde ich im Detail auf dieses Thema eingehen.

So wie ich in den letzten Jahren zum Jammer-Fasten aufgerufen habe, rufe ich heuer dazu auf, dass wir mit dem Beschämen bewusst aufhören. Sebastian Gronbach hat in seinem Blog-Post "Just say NOVorschläge beschrieben, wie wir das machen könnten. Ich erlebe das Awakening Women Manifest als einen Wegweiser für eine innere Haltung, in der wir auch ohne gegenseitige Beschämung auskommen. Stattdessen lautet das Versprechen: "Ich feiere deine einzigartige Schönheit und deine einzigartigen Geschenke."

Im Tempel haben wir letztens in diesem geschützten Rahmen des Frauenkreises eine Übung gemacht, in der wir erkundet haben, wie sich das Gefühl der Scham im Körper anfühlt. Wir sind der Scham mit Bewusstheit begegnet – man könnte auch sagen: Wir haben die Scham umarmt. Jede Frau wurde dann in ihrer einzigartigen Schönheit und mit ihren einzigartigen Geschenken gefeiert: "Du bist nicht nur OK, du bist sogar wunderbar!" Ehrfürchtig habe ich beobachtet, wie sich der Gesichtsausdruck und die gesamte Körperhaltung der Frauen ändern, wenn wir von der Scham in die Ehrung gehen. Welch ein Unterschied!

Und dann frage ich mich: Welche Welt wäre möglich, wenn wir aufhören würden, einander zu beschämen, und stattdessen unsere Einzigartigkeit ehren und schätzen könnten?

PS: Brené Brown ist eine Vorreiterin in soziologischer Forschung in Sachen Scham und Verletzlichkeit. Allen, die sich für diese Themen interessieren, empfehle ich die beiden inzwischen berühmten TED Vorträge von Brené Brown: (englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln)

Kommentare:

Susanne Weihs hat gesagt…

wie wunder-bar : von der Scham zur Ehrung... wunderschöne Vorstellung, dass dies immer mehr in der Welt verbreitet wird...

yogini108 hat gesagt…

liebe uli, vielen dank für diesen beitrag! so oft greifst du in deinem newsletter und deinem blog themen auf, die mich selbst gerade bewegen...scham und schuld hängen eng zusammen. ich merke zum beispiel, dass die scham meiner weiblichen vorfahren (weil sie mit finanzieller abhängigkeit, missbrauch und armut konfrontiert waren) tief in meinem gewebe gespeichert ist. und dass ich mich ihnen gegenüber schuldig fühle, wenn es mir besser geht, wenn ich ein unabhängiges leben in fülle führe. dieses schuldgefühl hindert mich daran, in das hineinzuwachsen, wie ich gemeint bin, zu meiner größe zu stehen und zu strahlen. ebenso fühle ich mich sehr oft schuldig, wenn mein sohn - teils schmerzliche - menschliche erfahrungen macht. obwohl ich es besser weiß, würde ein teil von mir ihn gerne davor bewahren...ich kenne diese muster alle längst, aber irgendwie konnte ich nie daraus aussteigen. vor ein paar tagen ist dann so etwas wie ein ruck durch mich gegangen, und ich habe laut und deutlich für mich gesagt: ich bin NICHT SCHULDIG!! seither gelingt es mir besser, mit meinen fehlern umzugehen - und ich bin nicht nur mir selbst, sondern auch anderen gegenüber viel liebevoller.
danke, liebe uli, dass du mich/uns an deinem weg und deinen gedanken und gefühlen teilhaben lässt und immer wieder mut machst, zur eigenen verletzlichkeit - und zur eigenen schönheit und größe - zu stehen!
alles liebe
laya kirsten

Uli Feichtinger hat gesagt…

Liebe Susanne, liebe Laya Kirsten! Wie konnte es nur kommen, dass ich Eure Kommentare über ein halbes Jahr lang nicht gesehen habe? Dabei werde ich doch normalerweise bei neuen Kommentaren verständigt!?

Danke für Eure Beiträge!

Ja, liebe Susanne, von der Scham zur Ehrung - im Jänner dachte ich nicht, dass das ein Jahresthema werden würde… Das ist eine große Baustelle in unserer Gesellschaft - die wohl mehr als ein Jahresengagement braucht...

Was Du schreibst, liebe Laya Kirsten, ist wunderbar. Welch ein besonderes Erlebnis dieser Ruck durch Dein Leben! Wie Du so schön schreibst: Mögen wir alle in unserer Verletzlichkeit in Schönheit und Größe blühen. So wie wir gemeint sind! <3 <3 <3